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Die Aussageschwäche von Lebensläufen

21.01.2015 von Johannes Mühleder

Im Bewerbungsprozess ist der Lebenslauf meist das erste Beurteilungskriterium, anhand dessen ein potentieller Arbeitgeber, oder auch ein Personalberater, die Eignung eines Kandidaten beurteilt. Es gibt bestimmte Personalsuchen, bei denen es anhand des schriftlichen Lebenslaufs sehr einfach ist, die Passung festzustellen. Zum Beispiel, wenn man einen Mitarbeiter mit einer bestimmten Ausbildung oder Zertifizierung benötigt.

Was ist jedoch, wenn die Anforderungen nicht derart spezifiziert sind? Wenn man jemanden sucht, der idealerweise „Branchenerfahrung“ oder „Erfahrung in einer vergleichbaren Position“ mitbringt? Oder wenn die fachlichen Voraussetzungen nüchtern betrachtet völlig nebensächlich sind und man eigentlich jemanden mit der richtigen Persönlichkeitsstruktur sucht.

Meiner Meinung nach sollte man beim Lesen von Lebensläufen immer zwei Dinge bedenken. Zum Ersten sind Kandidaten unterschiedlich darin geübt, sich in einem Lebenslauf und einem Motivationsschreiben gut und zielgerichtet zu präsentieren. Zum Zweiten interpretieren wir, die Leser, das Geschriebene, wir bilden uns eine Meinung über den Kandidaten und werfen ihn in eine Schublade. Aufgrund unserer Erfahrung wird es sich dabei überwiegend um eine richtige Einschätzung handeln.

Ich habe mich und auch Kunden jedoch schon dabei ertappt, dass eine Interpretation eines Lebenslaufes vorschnell passiert und dadurch interessante Kandidaten nicht berücksichtigt werden. Oder denken Sie, dass Sie Eigenschaften wie Eigeninitiative, Engagement, Lernbereitschaft, Enthusiasmus usw. aus einem Lebenslauf erlesen können? Und was bedeutet es, wenn ein Kandidat in seinem Werdegang auf viele Jobwechsel zurückblicken kann? Ist er dann flexibel und dynamisch oder eher instabil, unberechenbar und wankelmütig?

Anders formuliert: Glauben Sie, dass Sie Ihre Stärken, jene Eigenschaften die Sie als Arbeitnehmer wertvoll machen, verständlich und glaubhaft in einem Lebenslauf auf ein oder zwei A4-Seiten niederschreiben und so einer vorschnellen Aburteilung aus dem Wege gehen können?

Ich persönlich kann als Branchenwechsler und „ehemaliger Techniker“ sagen, dass Lebensläufe nur der vereinfachte Versuch sind, ein Leben in eine Beurteilungsform zu pressen. Es gehen dabei viele Informationen verloren. Auch für mich war es nicht einfach, die Branche zu wechseln. Denn nur selten kommen Bewerber ohne Branchenerfahrung überhaupt in die „erste Runde“.

Einer meiner Vorsätze lautet daher: Ich werde mich ab und an bei Beurteilungskriterien etwas zurücknehmen und mehr Zeit in ein erstes Telefonat mit den Kandidaten investieren. Bewerber sind in der Regel mehr als ihre Lebensläufe. Es bleibt hier viel Potential auf der Strecke!

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